Umgangssprachlich werden Polytoxikomane auch Mischkonsumenten genannt. Diese Menschen betreiben eine Art Drogenkonsum, bei dem sie zwei oder mehr psychotrope Substanzen zur gleichen Zeit oder aufeinanderfolgend zu sich nehmen. Geschichtlich gesehen, ist die Polytoxikomanie keine Erscheinung unserer modernen Zeit oder Leistungsgesellschaft.

So wurden im Amazonasgebiet vor mehr als 3500 Jahren die halluzinogenen Wirkungen einiger Naturdrogen erkannt und auch genutzt. Diese Wirkstoffe fanden auch in der Medizin Eingang. Beispielsweise wird der Wirkstoff Ayahuasca aus der Dschungelliane gewonnen und heute der Gruppe der MAO-Hemmer zugeordnet. In der indianischen Literatur wird diese Pflanze als „Liane des Todes und der Geister“ beschrieben.

Unsere Autorin Silke Ribal ist Medizinische Dokumenttations-Assistentin und Suchtberaterin am Universitätsklinikum Magdeburg. Sie arbeitet ehrenamtlich im „Saftladen Magdeburg“ und begleitet hier die Angehörigengruppe.
In regelmäßig unregelmäßigen Abständen veröffentlicht sie im „UMMD aktuell“ zum Thema Sucht.

Kokain ist auch pflanzlichen Ursprungs und im südamerikanischen Kokastrauch enthalten. Kokain wirkt aufputschend und ist als „Managerdroge“ bekannt, da diesem ein positiver Einfluss auf die Wachheit und Kreativität zugeschrieben wird und es ein großes Abhängigkeitspotential besitzt.

Im Mittelalter fanden verschiedene psychotrop wirkende Substanzen aus Kräutern Verwendung in „Hexensalben“ und anderen Kräutermischungen, die die Menschen einst konsumierten. Gourmets genießen in weiten Teilen Europas ihren Kaffee mit Cognac. Hier findet im Grunde auch schon ein Mischkonsum statt (Kombination aus Coffein und Alkohol). Wird dazu noch eine Zigarette geraucht, gesellt sich hier die dritte Substanz hinzu. Seit den 1990er Jahren wird ein Mischkonsum oder Beikonsum von Medikamenten (Schlaf und Beruhigungsmittel, Narkoleptika) und Drogen wie Kokain, Heroin und Alkohol festgestellt und therapiert.

Die Motivation zur Entwicklung einer Polytoxikomanie ist recht unterschiedlich. Zunächst ist das Wirkungsspektrum zu unterscheiden: Es gibt sogenannte UPPER (aufputschend wirkende Substanzen) und DOWNER (beruhigend und berauschend wirkende Substanzen). Es ist möglich, dass der Konsument bei UPPERs oder DOWNERs bleibt, jedoch zur ersten Substanz eine weitere hinzuzieht. Dies kann aus der Not heraus geschehen, weil die erste Substanz nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung steht. Möglich ist aber auch der Wunsch nach einer Wirkungsverstärkung, weil die erste Substanz nicht mehr den zufriedenstellenden der Effekt bringt. Das ist dann auf die Toleranzentwicklung zurückzuführen und damit erklärbar, dass sich der Körper des Konsumenten bereits an den regelmäßigen Konsum gewöhnt hat. Bei Polytoxikomanen liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit psychische Erkrankungen und Störungen im affektiven Erleben und der Impulskontrolle vor (Gefühlserleben), eventuell können auch Persönlichkeitsstörungen und Depressionen auftreten.

Der Mischkonsum ist hochgradig riskant, weil sich der Abhängige in die Gefahr begibt, die gewählte Kombination physisch und/oder psychisch nicht zu vertragen. So können gleichartige Substanzen je nach Situation oder Zeitpunkt der Einnahme verschiedene Wirkungen haben. Deshalb ist es bei lebensgefährlichen Komplikationen dem Rettungsdienst nur möglich, symptomatisch zu intervenieren. Die Notfallmediziner wissen im Falle des nicht ansprechbaren Betroffenen nicht, welche Substanzen er wann zu sich genommen hat. Alkohol- und Nikotinsucht sind oft gegeben. Viele Alkoholabhängige rauchen zugleich. Forscher aus den USA sind dieser Tatsache auf den Grund gegangen und fanden bei Versuchen mit Ratten heraus, dass Nikotin die schläfrig machende Wirkung des Alkohols mindert. Werden Alkohol und Nikotin gleichzeitig konsumiert, so wirkt das Nikotin hier als Aufputschmittel. Des Weiteren verstärkt die Kombination aus Alkohol und Nikotin das ohnehin vorhandene Krebsrisiko noch zusätzlich.

Die Motivation für den zeitlich eng aufeinanderfolgenden kombinierten Konsum von UPPERs und DOWNERs resultiert oft aus einem hohen extrinsischen oder intrinsischen Leistungsanspruch. Die Betroffenen nehmen das Amphetamin Ecstasy ein, um auch über das Arbeitsleben hinaus leistungsfähig zu sein (Feiern am Wochenende) und das Schlafbedürfnis sehr gering zu halten. Diese Personen sind sehr aktiv, machen die Nacht zum Tag, kommen aber nicht zur Ruhe und der Körper hat keine Gelegenheit zur Regeneration. Um diesen belastenden Zustand zu beenden, liegt für die Betroffenen der Konsum von DOWNERs wie Alkohol, Cannabis, Heroin oder auch Benzodiazepinen nahe.

Weiterhin gibt es auch diejenigen Abhängigen, die den besonderen Reiz suchen und Antagonisten, wie z. B. Speed und Haschisch mischen, um zu erfahren, wie ihr Körper darauf reagiert. Sie suchen den „Kick“ und begeben sich auf eine gefährliche Reise. Diese Klientel ist aber nicht alltäglich und eher in der Drogenszene anzutreffen.

Wer Medikamente einnehmen muss, belastet seine Organe wie das Entsorgungssystem Leber und die Nieren ohnehin schon stark. Sind diese Organe mit dem Abbau der Giftstoffe überfordert, dann wirken die Kombinationen Alkohol und Benzodiazepine sowie Alkohol und Antidepressiva (bzw. andere Psychopharmaka) wirkungsverstärkend, da die Substanzen ungehindert in den Körper gelangen.
Bei der Kombination von Cannabis und Alkohol kommt es zu einer gegenseitigen Substanzverstärkung, wodurch die Gefahr der Alkoholintoxikation besteht. Die Folgen sind meist Übelkeit und Schwindel bis hin zum Kreislaufkollaps sowie eine erhöhte Unfallneigung durch die nachlassende Reaktionsfähigkeit. Amphetamine (Speed, Crystal) und Alkohol sind angesichts ihrer Wirkung auf die Wahrnehmungsfähigkeit des Körpers sehr gefährlich. Der Konsument trinkt große Mengen Alkohol, nimmt sich als „noch ganz nüchtern“ wahr und riskiert eine Alkoholvergiftung. Leber und Niere werden stark belastet, der Körper dehydriert und droht wegen des Wärmestaus zu überhitzen. In der Fachliteratur wird noch eine Vielzahl an gefährlichen Kombinationen von Substanzen und Drogen untereinander sowie mit Alkohol, beschrieben.

Therapeutisch ist einer Polytoxikomanie schwer beizukommen, es gibt keine allgemeingültige und „richtige“ Therapievorschrift, entscheidend sind die miteinander kombinierten Substanzen.
Neben den körperlichen Schäden, die ein multipler Substanzmissbrauch mit sich bringt (Leberschäden, AIDS, HIV-Infektion) kommt es auch zu unterschiedlichen Gehirnschädigungen (z. B. limbisches System und andere Regionen), die wichtige Vorgänge im Körper steuern. Das macht die Therapie so schwierig, da sich diese Schäden auch unterschiedlich auswirken. Meist müssen die Entgiftung und der Entzug von den Drogen nacheinander vorgenommen werden. Dieser Umstand tangiert auch die Therapiestrategie und die damit immer vorhandene Rückfallgefahr. Durch Störungen im chemischen Gleichgewicht der Botenstoffe (z. B. Serotonin und Dopamin) sind wichtige Funktionen wie Schlaf, Körpertemperatur, Appetit, Stimmung und Gedächtnisleistung betroffen. Auch das emotionale Erleben als Grundlage menschlichen Erlebens und Handelns ist davon betroffen. Positive Emotionen wie bspw. Freude sind bei der Überwindung der Polytoxikomanie unabdingbar.

Polytoxikomanie oder multipler Substanzgebrauch – was ist das?